Dietmar Süß:  Tod aus der Luft

Der Luftkrieg vor 70 Jahren in Deutschland ist noch immer ein Thema in Deutschland und auch bei den Siegern von einst. Zum einen natürlich in Geschichtsbüchern, viel lebendiger jedoch als Werbung auf britischen Bierflaschen oder gut gehüteten Erinnerungsstücken einiger Familien die eben diese Bombennächte überlebt haben. Da erinnert man sich an den am Fuß befindlichen brennenden Stiefel und hält den anderen der Jahrzehnte überdauert hat wie eine Ikone in der Hand.

Süß nimmt all diese Befindlichkeiten auf. Er sieht mehr als nur Sieger und Verlierer. Er überfordert den Leser nicht wenn er Luftkriege jüngster Vergangenheit wie beispielsweise in Afghanistan oder den im Irak in eine Beziehung zu Dresden oder Coventry setzt.

Von Moral und gerechtem Krieg, von Organisation der Angst und Verlust und Schuld lese ich in diesem Buch und ich ertappe mich immer wieder dabei, dass mich meine Gedanken während des Lesens oft in die Kriege der Gegenwart führen. Ich habe keine Ahnung ob der wissenschaftliche Mitarbeiter für Neuere und Neueste Geschichte der Universität Jena dies beabsichtigt hat. Oft frage ich mich, was haben die Krieger der Neuzeit aus der Geschichte gelernt?

Die Vermittlung von geschichtlichem Wissen von Zahlen und Fakten sind nur die eine Seite dieses Buches. Die für mich wesentlich interessantere Seite ist die, wo Süß mir Einblicke hinein in die Gesellschaften von Siegern und Verlierern gewährt. Wie dachte man auf beiden Seiten? Nicht die großen Politiker, sondern die Menschen auf der Straße?

Ein besonders spannendes Kapitel war für mich als Christ Kapitel V "Die Kirchen und der Luftkrieg". Christen auf beiden Seiten waren angetreten um sich gegenseitig zu erschießen. Wie gingen und gehen Theologen heute damit um? Vom Treffen britischer Theologen mit Dietrich Bonhoeffer schreibt der Autor und bedrückend wird es an der Stelle an der Bischof Bell selbst die Bombardierung für notwendig hält. Bell selbst galt aber zugleich auch als Gegner des Luftkrieges. Revolutionär der Satz im Buch: "...das müsse künftig heißen, moralische Wertmaßstäbe unabhängig von nationalen Interessen zu definieren." Gerade am Beispiel von Bischof George Bell macht Dietmar Süß sehr gut deutlich wie schwer mitunter die Meinungsbildung bei denen war, die keine Militärs waren.

Mit dem Irak, Afghanistan und vielleicht schon bald Lybien sind Luftkriege längst keine zurückliegenden geschichtlichen Ereignisse mehr. Auch wenn Dietmar Süß hier besonders die Ereignisse in Deutschland und England vor 70 Jahren beschreibt, er zieht Parallelen in die Gegenwart hinein. Dies macht dieses Buch so aktuell. Der "Tod aus der Luft" gehört für viele Menschen auch in die Gegenwart, zur alltäglichen Bedrohung, genau deshalb ist dieses Buch nicht nur ein Geschichtsbuch, sondern ein Appell an die Vernunft der Menschen. Wobei der Autor in diesem Buch sehr gut zeigt, nicht nur die politisch Mächtigen schreiben Geschichte, auch hier konnten wir in den letzten Wochen eindrucksvolle Beweise in der Praxis miterleben.

Siedler,  ISBN 978-3-88680-932-5, Preis 29, 99 Euro

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