Helmut Schmidt:  Religion in der Verantwortung

Zunächst sei festgestellt, dieses neue Buch von Altkanzler Helmut Schmidt ist zu großen Teilen eine Sammlung seiner Reden, in denen es um das Thema Religion und Frieden geht.

Schmidt selber reiht sich persönlich in das große Heer der Christen auf Distanz ein, aber er beobachtet die Religionen sehr genau. Nach der Redensammlung im Buch hat er seine aktuellen Gedanken zu Papier gebracht. Besonders schaut er dabei auf christliche Religionen und natürlich auf den für uns immer wichtiger werdenden Islam.

"Fast alle Religionen geben sich heutzutage friedlich gesinnt. Aber in der Praxis sind viele ihrer Führer und ihrer Priester ' und ebenso viele ihrer Anhänger ' possesiv, expansiv und sogar aggressiv."

An vielen Sätzen, die Helmut Schmidt veröffentlicht, habe ich als Christ ordentlich zu schlucken, kann ihm aber nicht widersprechen. Der Analytiker Schmidt legt wieder einmal seine gelb verfärbten Finger in aktuelle Wunden. Dabei frage ich mich, würde er wohl seine Distanz zur Religion aufgeben, wenn Religionen ihre Friedensfähigkeit im Alltag kritisch beleuchten und wirksam an ihrer Verwirklichung arbeiten würden? Ich bin mir sicher, dass das Heer der Menschen, in das sich der Altkanzler eingereiht hat, spürbar kleiner werden würde.

Leider wird weder das Eine noch das Andere geschehen.

Weil der Autor dies ebenso einschätzt, klingt seine Bestandsaufnahme und seine Aussicht in die Zukunft eher pessimistisch. Dennoch wird er nicht müde an die Verantwortung der Religionen zu erinnern und sie sogar mit ihren eigenen Quellen zu touchieren.

Schmidt geht in seinem aktuellen Beitrag aber nicht nur mit den Religionen ins Gericht, sondern auch mit der gegenwärtigen Politik. So lange sie es nicht schafft riesige wirtschaftliche Unterschiede über kontinentale Grenzen hin wirksam zu bekämpfen, wird sich das Gewaltpotenzial in den Religionen nicht verringern. Folgt man Schmidts Gedankengang ist er einleuchtend.

Das Buch wird garantiert ein Bestseller. Zum einen, weil Schmidt drauf steht und zum anderen weil Schmidt drin steht. Der Bürger von heute sucht glaubhafte Personen in Politik und Religion, leider findet er sie nur sehr selten. Auch deshalb ist ein Helmut Schmidt, der sich schon seit langer Zeit aus dem aktuellen Tagesgeschäft verabschiedet hat, heute noch so wichtig.

Verkaufszahlen sind in diesem Falle ein Armutszeugnis für eine Gesellschaft mit der es moraisch Berg ab geht und im konkreten Fall auch ein Hilfeschrei von Christen, die der Friedensfähigkeit der Religionen misstraut.

 

Propyläen, ISBN 978-3-549-07409-1, Preis 19, 99 Euro

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