unsere Rezension:

gelungene Story mit politischer Botschaft verknüpft!

In den Osten Europas, nach Weißrussland, führt der Autor Martin von Arndt seine Leser. Seine Geschichte um den Studenten Wasil hat er temporeich, humorvoll, aber meines Erachtens gerade für uns Deutsche sehr nachdenklich machend geschrieben. Ich als ehemaliger DDR - Bürger finde mich in seiner Geschichte an vielen Stellen sehr authentisch beschrieben wieder.

Anfangs hatte ich beim Lesen Angst, dass der Autor zu viele Geschichtsdaten in seine Story mit einbaut. Aber dann hatte mich Martin von Arndt recht bald davon überzeugt, dass er den literarischen Spagat sehr gut meistert.

Gemeinsam mit Wasil erlebe ich von Minsk aus den Zerfall der Sowjetunion, lerne Budapest kennen und bekomme von Wasil sehr genau geschildert, wie die junge Generation in Minsk politisch tickt. Wasil ist ein Vertreter der Stömung der politisch Heimatlosen. Sein Freund aus Kindertagen Stanislau dagegen engagiert sich politisch sehr stark gegen den mit eiserner Faust regierenden Präsidenten Lukaschenko.

Wasil: "Ich war siebzehn Jahre alt. Ich war frei. Und das Land meiner Geburt hatte aufgehört zu existieren."

Eine wichtige Debatte, die nach der Definition von Demokratie, zieht sich durch den gesamten Roman. Dabei spielen alte familiäre Verstrickungen in die Story hinein, war Wasils Großvater nun wirklich beim KGB oder nicht? Bei aller Suche droht Wasil auf die schiefe Bahn zu geraten. Wird er untergehen, wie auch die Demokratiebewegung in Weißrussland?

Wasil: "Ich bin überall nur zu Gast. Auch in meinem eigenen Leben."

Dieser Roman nimmt gefangen. Noch Tage nachdem ich die letzten Seiten gelesen hatte, ging mir Wasil nicht aus dem Sinn. Flimmern mir Abends von der Tagesschau aktuelle Nachrichten aus Minsk ins Wohnzimmer, werde ich ab sofort deutlicher zuhören.

Martin von Arndt schreibt mit deutlicher Sprache, auch wenn mir das Ende von Wasil nicht gefällt, ist dieser Roman doch preisverdächtig!
 

Klöpfer & Meyer, ISBN 978-3-86351-023-7, Preis 19, 90 Euro

 

 

 
Autor Martin von Arndt beantwortete buecherveraendernleben folgende Fragen:
 
Lieber Herr von Arndt, Ihr Buch “Oktoberplatz” führt sich in mir wie
ein Besatzer auf. Ich habe es als ehemaliger DDR – Bürger gelesen,
fand viele meiner politischen Eindrücke und Erfahrungen in Ihrem
Buch wieder und frage mich, wieso werde ich diese Story
nicht mehr los?
 
Die Frage kann ich Ihnen schlechterdings natürlich nicht
beantworten; ich werte das trotzdem mal als positives
Zeichen, als Zeichen, daß das Buch "nachklingt" und nicht
sofort wieder aus dem Gedächtnis verschwindet - was
für einen Autor wohl das höchste Lob ist, das man ihm
überhaupt zollen kann, mehr kann und will ein Buch
heutzutage kaum erreichen. Es kann sein, daß Teile des
Buches für Sie als ehemaligen DDR-Bürger wiederklingen,
weil die Erfahrungen, die man als Kind und Jugendlicher in
einer Sozialisation in Ländern des ehemaligen Warschauer
Pakts gemacht hat, vielleicht doch eine gewisse Ähnlichkeit
haben; ich war vor einiger Zeit zu Literaturgesprächen im
tschechischen Brno eingeladen und fand es
interessant, daß mehrere Autoren, die einen in der
Tschechoslowakei sozialisiert, andere in Polen, dritte in der
DDR, unisono festgestellt haben, daß, über die Sprach- und
sonstigen Kulturgrenzen hinweg, die Verständigung
untereinander über viele Themen wesentlich leichter
funktioniert als mit gleichaltrigen westdeutschen oder
österreichischen Autoren. Das eine oder andere Thema im
Buch wird, so gesehen, austauschbar sein, was den Namen
des Landes angeht, und daß ich als westdeutscher Autor
(ungarische Eltern hin oder her, aber ich bin im Westen
sozialisiert worden) vielleicht bestimmte Problematiken
"benennen" konnte, habe ich sicher der Tatsache zu
verdanken, daß ich lange und intensive Gespräche in der
Minsker Dissidentenszene geführt und sehr eng mit einem
weißrussischen Journalisten zusammengearbeitet habe,
dessen wichtigste Aufgabe es im nachhinein war,
mir erst einmal die Augen zu öffnen.
 
 
Autor Martin von Arndt  (Foto: Ansgar Noeth)
 
 
 
 
Genau wie Ihre polnischen, tschechischen und ehemaligen
DDR Kollegen kann ich aus meinem Erfahrungsbereich heraus
bestätigen, mit Wessis hat man bis heute, bei bestimmten Themen
seine liebe Not. Sind sie mit Ihrem “Oktoberplatz” angetreten
um dies zu ändern?
 
Ausdrücklich angetreten würde ich nicht sagen, aber wenn das der Fall ist,
wäre es ein schöner Nebeneffekt. Daneben muß ich sagen, daß ich schon immer
eher Mittelost- und Osteuropa-orientiert war, weswegen mir Thematiken aus
Belarus, Rußland oder, wie in meinem nächsten Buch, aus Armenien besonders am
Herzen liegen. Ich denke, die Westdeutschen haben da auch einen gewissen Nachholbedarf,
und die vielen vielen Reportagen aus Rußland, die seit Jahren in unser Wohnzimmer
flimmern, zeigen, daß viele Deutsche interessiert sind an Osteuropa und ein gewisses Nachholbedürfnis haben.
                                                                                                                   
Wie gesagt, mein “sehr gut” ist Ihnen längst für ihren "Oktoberplatz"
sicher. Beim Lesen habe ich mich jedoch des öfteren besorgt gefragt:
Verlangt der Autor da nicht sehr viel von seinem Leser? Man sollte
Geschichtskenntnisse mitbringen, der Leser sollte sich für den Zerfall
der Sowjetunion und das Entstehen neuer Staaten interessieren,
außerdem geht es um die Definition des Begriffes der Demokratie,
meinen Sie mit diesen Themen Leser vom warmen Ofen in den
Bücherladen zu locken?
 
Ach naja, die Befürchtung scheint mit jedem meiner Romane
einherzugehen; von "ego shooter", der Geschichte eines Profi-Gamers,
der langsam vor die Hunde geht und die "falsche" Zielgruppe angesprochen
haben soll (nämlich diejenigen, die nicht lesen), bis "Oktoberplatz": das
könnte fast der rote Faden meiner sehr unterschiedlichen Romane sein.
Ich persönlich sehe die Schwierigkeiten nicht, wir haben bei den
verschiedenen Lektoraten darauf geachtet, daß wir auch die Leser, die
sich nicht mit sowjetischer und postsowjetischer Geschichte auskennen,
"mitnehmen" (wie das neudeutsch so heißt), vor allem aber auch nicht
überfrachten mit trockenen historischen Daten, sondern die Geschichte
immer auf die persönlichen Geschichten der
Familienmitglieder von Wasil "herunterbrechen"
(wie das wohl noch neudeutscher heißt).
Außerdem glaube ich seit ein oder zwei Jahren beim
deutschsprachigen Lesepublikum ein Bedürfnis nach politischerer
Lektüre zu spüren; wir waren lange genug das Land, in dem
zahllose Party-Berlin-, Twentie-Something- und Midlife-Crisis-Romane
geschrieben worden sind, es gibt da einen politischen Nachholbedarf,
die Franzosen machen es uns vor. Es würde mich freuen, diesbezüglich
mit "Oktoberplatz" einen Schritt in die richtige Richtung getan zu haben.
Aber das Risiko, am "Markt"
vorbeizuschreiben, besteht natürlich bei jedem Buch.
 
Wasil ist ein getriebener, ein heimatloser junger Mann, an einer
Stelle sagt er: “Ich bin überall nur zu Gast. Auch in meinem
eigenen Leben.” Damit treffen Sie ganz sicher das Gefühl auch
vieler Ostdeutscher getroffen. Ist diese Einstellung
eine Gefahr für die Demokratie?
 
Ich denke, dieses Gefühl des Getriebenseins und Unbehaustseins
finden wir auch bei vielen waschechten Demokraten. Ich hatte vor allem
den Eindruck, daß es ein in Weißrußland oft anzutreffendes Gefühl ist, das
mit der Geschichte dieses Landes zusammenhängt. Weißrußland ist ja
eine extrem verspätete Nation, es gab in ihrer Geschichte nie längere
Phasen von Eigenstaatlichkeit, ein "Nation-building", wie das in anderen
europäischen Staaten stattgefunden hat, gibt es eigentlich erst seit
dem Zerfall der Sowjetunion (1991), und selbst da war es so, daß die
Weißrussen mehrheitlich nur nolens volens einen eigenen Staat haben
wollten. Lukaschenka strebt seit geraumer Zeit eine Union mit Rußland an,
wie eng die dann werden könnte, ist auch Spezialisten (und wohl ihm selbst)
nicht ganz klar. Das schafft nicht gerade Raum für ein Gefühl, sich für einen
solchen Staat starkmachen zu wollen und führt zu einer gewissen
Getriebenheit: die einen wollen ihr Glück im Ausland machen, und die
anderen müssen sich vor dem Zugriff des KGB, den es in Belarus noch
gibt, entziehen. Dann kommt noch die Sprachenfrage dazu:
Weißrussisch wird als aktive Muttersprache nur noch von ca. 35% der
Bevölkerung gesprochen, das Russische ist quasi zur
Muttersprache geworden, aber vielen Weißrussen fällt es immer noch
schwer, ein "sauberes" Russisch zu sprechen - und sie werden für ihre
Mischsprache aus Weißrussisch und Russisch, die sie häufig sprechen,
die sogenannte "Trasjanka" (Viehfutter), von den Russen verlacht.
Die Unbehaustheit ist also nicht nur auf den Raum begrenzt, den man
Vaterland nennen sollte, sondern dehnt sich auch aus auf die
Muttersprache. Das führt, psychologisch gesehen, fast unweigerlich zu
einem Fluchtreflex.
 
Gegen Ende des Buches geben sie dem Inhalt noch eine gehörige
Prise Spannung, aber ich höre da auch so manch eine Kritik an unserer
westlichen Demokratie heraus. Welche Seilschaften meinen Sie genau
wenn Sie schreiben: “Und das sind überall dieselben Seilschaften, nach
jeder Wahl sind es dieselben. Bei uns, in Ungarn, in
Deutschland, hier ...”
 
An dieser Stelle ist es ganz wichtig, den Autor von seinem Protagonisten
zu trennen. Sie zitieren eine Stelle, in der sich Wasil mit seinem Jugendfreund
Stanislau über die "richtige" Staatsform streitet. Wasil und Stas sind in dieser
Hinsicht prototypische Figuren: Stas ist der überzeugte engagierte Demokrat
westlichen Zuschnitts; Wasil ist ein unentschiedener politischer Charakter, der
sich nach einem Reformsozialismus sehnt und Demokratien westlichen Charakters
vor allem zurückweist, weil er den mit ihnen verbundenen Turbokapitalismus
ablehnt; ein Typus, wie er in Osteuropa (aber auch in vielen islamisch geprägten
Ländern) häufig anzutreffen ist, und die Argumentation
(wenn man sie als solche bezeichnen kann), daß Wahlen nichts bringen,
weil sie ohnehin immer nur dieselben Seilschaften an die Macht bringen, ist
leider auch in Mittelost- und Osteuropa häufig anzutreffen.
Ich habe im Vorfeld von "Oktoberplatz" für ein wissenschaftliches Projekt ca.
100 Interviews geführt in Rumänien, Ungarn, Belarus und Lettland. Einiges
von dem darin gewonnen Material habe ich im Roman verarbeiten können - so
war der Satz, den Sie oben zitieren, die wohl am häufigsten wiederkehrende
stereotype Formulierung, mit der junge Männer in Osteuropa die westliche
Demokratie als zum Scheitern verurteiltes System ablehnen. Das ist emotional
mit starken Abwehrreaktionen verbunden und stellt vielleicht die größte
Gefahr für die Demokratiebildung in Osteuropa dar. Deshalb sind auch viele
Weißrussen, obwohl sie Lukaschenka ablehnen und offen gegen ihn
protestieren, nicht überzeugt davon, daß etwas "Besseres" nachkommt, im
Gegenteil: die Angst vor dem, was mit der Demokratie kommen könnte,
ist so groß, daß man lieber den Mist, den man gerade erlebt, hinnimmt
wie ein Naturereignis, gegen das man nichts machen kann.
Und der Präsident hat dann leichtes Spiel mit einer solchen "Opposition".
 
 
Den offiziellen Videotrailer zum Romen finden sie hier:
 
 
 
 Autor Martin von Arndt  (Foto: Ansgar Noeth)

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