Christine und Christian Schneider:  Himmel und Strassenstaub

 Ein junger Schweizer mit nicht ganz so einfacher Biografie als Teenager lernt eines Tages Gott kennen und macht sich auf den Weg in die Slums von Manila.

Christian Schneider beschreibt viele Einzelschicksale, sorgt dafür das die Menschenmasse Gesichter bekommt. Fast immer sind es Menschen, die täglich mit dem Tod konfrontiert sind. Kinder verhungern oder sterben, weil einfachste medizinische Betreuung nicht vorhanden ist. In all diesem Menschengewühl, in dem sich auch Mörder und Diebe herumtreiben, lebt der Autor. Er lebt dort zunächst, um die Sprache der Menschen zu lernen. Er will sie verstehen. Als Slumworker lebt er unter ihnen und leidet darunter, dass seine praktische Hilfe nur ein kleiner Tropfen auf einem gewaltig heißen Stein ist.

Bei all seinen Beschreibungen ist es mir immer wieder verwunderlich, dass er Menschen beschreibt, die sich nicht trostlos aufgeben und ihrem Schicksal hingeben. Selbst unter diesen Ärmsten wird gelacht und geliebt und auch an Gott geglaubt.

Eines Tages nimmt der Schweizer Frau und Kind mit nach Manila. Christian Schneider lässt die Sicherheit hinter sich und wohnt mit seiner Familie im Slum. Er lässt uns an den innenpolitischen Problemen des Landes teilhaben und er beschreibt seinen Traum: "Arm und Reich, Nord und Süd brauchen einander. Sie müssten einander finden, indem sie beide begreifen, dass sie die gleichberechtigten Empfänger einer Liebeserklärung Gottes an die Menschen sind." Dieser wunderschöne Satz drückt alles aus, was Denken und Handeln des Ehepaares Schneider ausmacht.

Dieser geduldige Satz, so oft er auch gedruckt zu finden ist, bleibt nur ein Traum. Die Schneiders haben ihn mit Leben erfüllt. Die Slums von Manila gibt es zwar noch immer, aber Schneiders haben uns gezeigt, wie man aus einem Traum ein Stückchen Wirklichkeit werden lassen kann.

Brunnen Verlag, ISBN 978-3-76551-798-3, Preis 16, 99 Euro

 

 

 

 

 Christian Schneider

 

 

Nach Veröffentlichung dieses Buches hatte ich Gelegenheit zu einem Gespräch mit Christian Schneider.

Lieber Christian Schneider, auf Ihren Zeugnissen stand oft »Betragen unbefriedigend« und Klauen im Supermarkt war für Sie eine Art Freizeitsport. Wie kamen Sie auf die Idee, zu den Ärmsten nach Manila zu gehen?

Obwohl wir sechs Geschwister keinen Hunger litten, erlebte ich doch eine gewisse »Armut« im Sinne eines abwesenden Vaters und einer teilweise überforderten Mutter. Als dann plötzlich Menschen in mein Leben kamen, Jungscharleiter vom CVJM, die mir nicht nur von der Liebe Gottes erzählten, sondern große Teile Ihrer Freizeit mit mir teilten, änderte sich mein Lebensgefühl und mein Verhalten dramatisch zum Guten. Diese gelebte und er-lebte Liebe Gottes beseelt mich bis heute und bringt mich ständig mit Menschen zusammen, die  nach Würde und Wertschätzung hungern. Die Slums sind voll davon!

Aber warum ausgerechnet die Hauptstadt der Philippinen?

Zufall oder Fügung? Da war nicht wirklich ein Plan vorhanden. Als Christ glaube ich an Fügung.

Du sagst, Dein Lebensgefühl und Dein Verhalten haben sich dramatisch zum Guten verändert. Dann in den Slums von Manila warst Du oft ein rettender Engel und wie viele Deiner Geschichten es zeigen war Hilfe einfach unmöglich, wie geht ein junger Mann damit um, der immerhin aus der reichen Schweiz kommt?

Gefühle von Ohnmacht und Hilflosigkeit deponierte ich immer wieder bei Gott. Diese Verletzlichkeit solidarisierte mich mit den Armen. Dann fand ich auch Trost darin, das handfeste Hilfe für einen einzelnen Menschen für diesen "eine ganze Welt verändert". Drittens: Ich fand in der Bibel den Gott, der sich ebenfalls mit den Schwachen und Armen identifiziert, sich praktisch auf ihre Seite stellt (Matthäus 25).

Nimm es mir bitte nicht übel, aber die Antwort klingt so einfach. Ich erinnere mich an eine Szene im Buch, da stirbt ein kleines Mädchen und du schreibst, eigentlich ist sie nur an einer Kleinigkeit gestorben, in Europa wäre sie auf alle Fälle heute gesund und munter. Ich geh da mal von mir aus, also bei mir wäre es nicht damit getan meine Hilflosigkeit bei Gott zu deponieren. Vielleicht bist du ja einer dieser ruhigen und besonnen Schweizer, gab es bei Dir nie Momente in denen Du wütend auf Gott und die Welt warst?

Natürlich war ich auch wütend und manchmal richtig verzweifelt. Ich lernte zu weinen, alleine und zusammen mit den Menschen in den Slums. Es gab auch Situationen, wo ich einen Ort suchte (am Morgen beim Joggen), wo ich meine Frustration hinausschrie. Es gab Situationen da wollte ich Allem den Rücken kehren … aber wohin denn?

Ich wollte nicht in die Oberflächlichkeit der Ablenkung oder in die Verbitterung über die Menschen. Und doch gebe ich gerne zu, dass ich immer wieder mal Ablenkung und Distanz suchen musste, um nicht zu Verzweifeln. Die „Technik“ der Ablenkung und Verdrängung oder des Galgen-Humors scheinen die Armen zu beherrschen, da habe ich auch von ihnen lernen könne.

Und in diese Situation hast Du Deine Frau und Dein Töchterlein mitgenommen, warum ?

Tja Christian, ehrlich gesagt fehlt mir hier  eine schnelle Antwort. Eine leise Stimme vielleicht, die mir zuflüsterte »ich habe Dich noch nie im Stich gelassen«?

Nachdem ich einige Jahre mit den Armen gelebt hatte, liess mich die Sehnsucht nicht los, wieder dort hin zurück zu kehren, wo es täglich um Wesentliches geht. Ich hatte ja nicht nur Leid  erlebt sondern auch eine Art Glücklichsein, wie kaum je zuvor. Darüber habe ich mich immer wieder mit Gott unterhalten. Ich dachte, da ist so eine Art Einladung, der ich nicht folgen muss - aber ich darf, wenn ich will. Und ich wollte! Dann kam der Tag,  an dem auch Christine wollte.

Dann zogen wir los. Unser Kind war eine Geschenk von Gott. Dieser Schöpfer hatte auch alle die anderen Millionen von Kindern in Slums dieser Welt gewollt. Wir nahmen uns vor, die Slumzeit abzubrechen, falls wir es beide nicht mehr mit einer gewissen Überzeugung sehen würden.

Da Du ja die Kurzen Antworten so liebst, hier noch ein Versuch:  Als Familie lebt es sich viel, viel besser im Slum als als Single! Und unser Bestreben mit den Armen etwas Leben zu teilen, wird von der Slumbevölkerung von Familie mit Kind ernster genommen. ....

Lieber Christian, wann sind wir eigentlich ins Du hineingeschliddert? Ob das wohl auch etwas mit deinem Traum zu tun hat? Du sagst in Deinem Buch Menschen aus Ost und West, Nord und Süd müssen sich treffen, dann erst lernen sie sich kennen und wertschätzen, glaubst Du daran mit Deinem Buch etwas zu bewirken?

Deine Fragen zeigten mir schnell, dass Du tatsächlich mein Buch gelesen hast. Obwohl wir uns nie begegnet sind, weiss Du mehr von mir als viele meiner Freunde. Da lag das "Du" schnell sehr nahe... mein Buch soll ermutigen, ehrlich und verletzlich zu werden. Das erst  macht authentische Beziehung möglich, auch über soziale und geographische Schranken hinweg. In guten Beziehungen finden wir Glück und einen Weg Vorwärts in dieser verrückten Welt. Das glaube ich fest. Und wenn wir darin lernen unsere Hilflosigkeit einzugestehn wenden wir uns Gott zu, der uns helfen kann. Eine Beziehug zu Ihm bringt uns Glück über den Tod hinaus.

Obwohl ich mit Dir noch lange gern weitergemailt hätte, deine letzte Antwort war ein sehr schönes Schlusswort. Ich sage Dir herzlichen Dank für das Autorengespräch, wünsche Dir und Deiner tapferen Familie Gottes Segen und Deinem Buch sehr viele Leser.

Nach oben