Kerstin Hensel:  Federspiel

Tragisch, manchmal auch komisch und irgendwie in der Realität schwer vorstellbar, erscheinen mir bisweilen die drei Novellen von Kerstin Hensel.

Die eindrücklichste und auch umfangreichste heißt "Der Gnadenhof". In ihr steht die Tochter Rita im Mittelpunkt, die es einfach nicht schafft ihrer Tochterrolle zu entschlüpfen. Gemeinsam mit ihrem Bruder lebt sie mitte der 40er Jahre bei ihrer Mutter und sie verlieren bald schon den Vater. Über Jahrzehnte hinweg leben die drei zusammen. Zunächst versorgt die Mutter die Kinder, dann im Laufe der Jahre übernehmen es die Kinder sich um die Mutter zu kümmern, die immer seltener "lichte Stunden" am Tag erlebt. Während der Sohn nie den Ausbruch von zu Hause versucht, gelingt Rita wenigstens ein Versuch, auch wenn er letztlich nicht gelingt.

So geht das Jahrzehnte weiter. Dann ziehen die drei in ein kleines Haus in die Berge. Dort treffen sie ein altersschwaches Pferd und leben zusammen auf dem Gnadenhof. Rita ist inzwischen über 50 und was niemand für möglich hielt, eines Tages wagt sie den Ausbruch, leider verrät Kerstin Hensel nicht was danach geschieht, aber vielleicht geht es ihr ja auch nur um das sichtbar machen der Möglichkeit, dass es nie zu spät ist.

Die beiden anderen Novellen sind kürzer geraten, aber vom gleichen Strickmuster. Mittelpunkt sind immer Frauen, die in einer Schublade festzustecken scheinen und um den Ausstieg kämpfen.

Kerstin Hensel beweist mit ihren drei Frauenstudien Lebenserfahrung und Beobachtungsgabe!

Luchterhand, ISBN 978-3-630-87385-5, Preis 19, 99 Euro

 

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