Téa Obreht:  Die Tigerfrau

Natalias Großvater ist nicht nur Chirurg an der Uni, er ist auch Tyrann, Soldat und nicht zuletzt der Widerspruch in sich. 12 Jahre nach dem Krieg auf dem Balkan stirbt er und hinterläßt seine Enkeltochter in einem Scherbenhaufen von Geschichten über die verlorene Heimat. Natalia ist jetzt Ärztin und engagiert sich in einem Waisenhaus auf dem Balkan. "Vor dem Krieg, hatten die Leute von Brejerina zu uns gehört." Heute wird sie auf dem Weg dorthin an der Grenze gestoppt und ihr Auto durchsucht.

Die junge Ärztin sucht nun nach dem Tod des Großvaters seine Welt, seine Heimat und trifft doch überall auf grundlegende Veränderungen. Wunderbar beschreibt Téa Obreht in einem einzigen Absatz die Schönheit der hohen Kiefernwälder, die Olivenbäume und die Zypressen, verschweigt aber auch nicht die Schlaglöcher und den Schotter, an denen seit Jahren niemand etwas gemacht hatte. Brüche sind ein ganz großes Thema dieses beeindruckenden Debütromans. Brüche wie nur ein Krieg sie anrichten kann.

Während Natalia sich noch sehr gut an Großvaters Erzählungen erinnert, in denen immer wieder der geheimnisvolle Mann auftauchte, der nicht sterben konnte und die schöne Taubstumme, die für die nicht erreichbare Liebe und Sehnsucht steht, dringt Natalia weiter voran zu dem Ort, der einst Heimat war.

Und während sie ihren Großvater abgöttisch liebt, ganz allein mit ihm Geheimnisse teilte, ja sogar so wie er Bleistifte benutze bis sie die Stummel kaum noch in ihren Händen halten konnte, rücken die Erzählungen von einst in ein neues Licht, an eine neue Stelle und bekommen von Natalia eine neue Gewichtung, vergessen jedoch wird nichts. Auf diesem Weg, der streckenweise ein Gewirr aus Fiktion und Fakt ist, kommt Natalia der Wahrheit ihrer Familie stückweise näher.

Vielleicht eine familiäre Aufarbeitung der in Belgrad geborenen Téa Obreht, ganz gewiss aber ein wichtiges Stück Literatur, dass gelesen werden muss!

Rowohlt, ISBN 978-3-871-34712-2, Preis 19, 95 Euro

 

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