Josef Braml:  Der amerikanische Patient

Gäbe es nicht die Eurokrise, so Josef Braml, würde man in unseren täglichen Nachrichtensendungen viel mehr über den Patienten Amerika zu hören bekommen. Aber noch betrifft uns die Eurokrise eben doch direkter.

Der Projektleiter beim Aspen Institut in Berlin entwirft ein düsteres Bild vom heutigen Amerika und stützt sich dabei auf offizielle Statistiken. Die Verschuldung privater Haushalte nimmt immer mehr zu und der finanzielle Spielraum für Förderprogramme geht gleich null. Zudem sind die beiden großen politischen Lager des Landes so von ihrer gegenseitigen Blockadehaltung überzeugt, dass man oft den Eindruck gewinnt, hier wird schon lange nicht mehr im Interesse des Volkes gehandelt, sondern die Interessen des Präsidenten oder der immer mehr erstarkenden Tea Party gehen vor Landesinteressen.

Der Autor führt eine Menge an Gründen auf die zu dieser scheinbar ausweglosen Situation führte, er beschreibt die amerikanische Bevölkerung die noch nie in der Geschichte des Landes so wenig von ihrer politischen Oberschicht hielt wie heute und er betrachtet in aller Offenheit Vor - und Nachteile des amerikanischen Staatsaufbaus.

Ein Resultat des wirtschaftlichen Verfalls Amerikas ist, dass seine Rolle als Führungsmacht längst angezweifelt wird. "Die Lage ist kritisch: Amerika sieht seine vitalen Interessen bedroht, aber es ist in seiner Handlungsfähigkeit enorm eingeschränkt." sagt Josef Braml. Man darf also gespannt sein wie es mit der Rolle des missionarischen Weltverbesserers Amerika weiter geht. Aber eins wird bei diesem Autor auch klar, wird Amerika in die Tiefe gerissen, wird es uns auch nicht mehr so gut gehen.

Jedoch kann niemand Braml als Schwarzmaler abtun. Er sieht selbst innerhalb Amerikas ein langsam beginnendes Umdenken. So gibt es beispielsweise heute schon energie - und umweltpolitische Reformvorstöße in über der Hälfte der amerikanischen Bundesstaaten. Gerade in dieser wichtigen Frage, sieht der Autor auch Deutschland und Europa in der Verantwortung.

In diesem Buch geht es immer wieder um Amerika, aber auch um unsere Beziehungen zu dem einst so starken Land. Josef Braml ruft dazu auf, dass Europa laut und deutlich seine Interessen vertritt, dabei aber immer an Partnerschaft zwischen Europa und Amerika denkt. Kurz gesagt könnte das heißen: Nicht Ellenbogen sondern Köpfchen ist gefragt. Er kritisiert, dass viele Austauschprogramme gegenwärtig stagnieren oder aus finanziellen Gründen sogar zurückgefahren werden. Der Autor meint: "Ihre Arbeit wäre heute wichtiger denn je: Damit Gefahren und Chancen der transatlantischen Zusammenarbeit überhaupt und rechtzeitig wahrgenommen werden können, müssen die Eliten hüben wie drüben Austauschprogramme durchlaufen . . ."

Ein wichtiges Buch, in dem Josef Braml uns den Ernst der Lage schildert, aber auch bewusst macht, wir stecken mitten drin im Problem!

Siedler, ISBN 978-3-886-80998-1, Preis 19, 99 Euro

 

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